Gedichte - Ostern


Gedichte - Ostern

Sammlung an Gedichten mit Bezug zur Osterzeit für Leserunden und Gedächtniseinheiten.

Halleluja!

Es ist Ostern.
Laßt uns mit Freunden einander umarmen.
Es ist Ostern, die Erlösung von Schmerz und Tod.
Es ist der Tag der Auferstehung.
Laßt uns, ihr Brüder,
Bruder sagen auch zu denen,
die uns hassen!
Verzeihen wir alles
um der Auferstehung willen!

Lateinisches Sprichwort

 

 

Ostern

Ja, der Winter ging zur Neige,
holder Frühling kommt herbei,
Lieblich schwanken Birkenzweige,
und es glänzt das rote Ei.

Schimmernd wehn die Kirchenfahnen
bei der Glocken Feierklang,
und auf oft betretnen Bahnen
nimmt der Umzug seinen Gang.

Nach dem dumpfen Grabchorale
tönt das Auferstehungslied,
und empor im Himmelsstrahle
schwebt er, der am Kreuz verschied.

So zum schönsten der Symbole
wird das frohe Osterfest,
daß der Mensch sich Glauben hole,
wenn ihn Mut und Kraft verläßt.

Jedes Herz, das Leid getroffen,
fühlt von Anfang sich durchweht,
daß sein Sehnen und sein Hoffen
immer wieder aufersteht.

Ferdinand von Saar

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frei von Tod und Banden

Vom Grabe ist der Herr erstanden
und grüßet, die da sein.
Und wir sind frei von Tod und Banden
und von der Sünde Moder rein.

Ich soll mich freun an diesem Tage.
Ich freue mich, mein Jesu Christ.
Und wenn im Aug' ich Tränen trage,
du weißt doch, daß es Freude ist.

Annette von Droste-Hülshoff

 

 

 

Das Osterei

Hei, juchei! Kommt herbei!
Suchen wir das Osterei!
Immerfort, hier und dort
und an jedem Ort!
Ist es noch so gut versteckt.
Endlich wird es doch entdeckt.
Hier ein Ei! Dort ein Ei!
Bald sinds zwei und drei.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

 

 


Trauergesang von der Not Christi am Ölberg in dem Garten

Bei stiller Nacht zur ersten Wacht
Ein Stimm gund zu klagen;
Ich nahm in acht, was die doch sagt,
Tat hin mit Augen schlagen.

Ein junges Blut, von Sitten gut,
Alleinig, ohn Gefahrten,
In großer Not, fast halber tot,
Im Garten lag auf Erden.

Es war der liebe Gottessohn,
Sein Haupt hat er in Armen,
Viel weiß und bleicher als der Mon,
Ein Stein es möcht erbarmen.

"Ach, Vater, liebster Vater mein,
Und muß den Kelch ich trinken?
Und mags dann ja nit anders sein?
Mein Seel nit laß versinken!"

"Ach, liebes Kind, trink aus geschwind,
Dirs laß in Treuen sagen.
Sei wohl gesinnt, bald überwind,
Den Handel mußt du wagen."

"Ach, Vater mein, und kanns nit sein,
Und muß ichs je dann wagen,
Will trinken rein den Kelch allein,
Kann dirs ja nit versagen.

Doch Sinn und Mut erschrecken tut,
Soll ich mein Leben lassen.
O bitter Tod! mein Angst und Not
Ist über alle Maßen.

Maria zart, jungfräulich Art,
Sollst du mein Schmerzen wissen,
Mein Leiden hart zu dieser Fahrt,
Dein Herz wär schon gerissen.

Ach, Mutter mein, bin ja kein Stein,
Das Herz mir durft zerspringen;
Sehr große Pein muß nehmen ein,
Mit Tod und Marter ringen.

Ade, ade, zu guter Nacht,
Maria, Mutter milde!
Ist niemand, der denn mit mir wacht
In dieser Wüsten wilde?

Ein Kreuz mir vor den Augen schwebt,
O weh der Pein und Schmerzen!
Dran soll ich morgen wern erhebt,
Das greifet mir zu Herzen.

Viel Ruten, Geißel Skorpion,
In meinen Ohren sausen.
Auch kommt mir vor ein dörnern Kron
O Gott, wen sollt nit grausen?

Zu Gott hab ich gerufen zwar,
Aus tiefen Todesbanden;
Dennoch ich bleib verlassen gar,
Ist Hilf noch Trost vorhanden.

Der schöne Mon will untergohn,
Vor Leid nit mehr mag scheinen;
Die Sternen lan ihr Glitzen stahn,
Mit mir sie wollen weinen.

Kein Vogelsang noch Freudenklang
Man höret in den Lüften,
Die wilden Tier traurn auch mit mir
In Steinen und in Klüften.

Friedrich von Spee-Langenfeld

 

 

 

Golgatha

Nimm, Herr, mich mit auf deinem Todesgange,
Daß ich den letzten Segen noch empfange,
Den du im Dulden, Bluten und Erblassen
Der Welt gelassen.

Mit Zions Töchtern möcht ich um dich klagen,
Mit Simon dir den Marterbalken tragen
Und mit Johannes unter bittern Wehen
Am Kreuze stehen.

Die Füße, die mit nimmermüdem Schritte
So sanft gewandelt in des Volkes Mitte,
O laß mich sie, eh' sie erstarren müssen,
Noch einmal küssen.

Die Hände, die nur wohlgetan auf Erden
Und zum Dank ans Holz geheftet werden,
O breite sie vom Kreuzesarm zum Segen
Mir noch entgegen!

Ihr Lippen, stets holdselig anzuhören,
So vielgetreu im Trösten, Mahnen, Lehren,
O gönnt mir noch, eh' ihr euch müßt entfärben,
Ein Wort im Sterben!

Doch stille, horch! Die Hammerschläge klingen,
die ihm durchs Fleisch und mir durchs Herze dringen,
Er aber fleht zu Gott mit Engelsmienen:
Vergib du ihnen!

Nun hängt er nackt inmitten der Verbrecher
Und neigt sich mild zum reuevollen Schächer
Und öffnet ihm mit hohem Gnadenworte
Des Himmels Pforte.

Die Mutter sieht er mit dem Schwert im Herzen,
Am Kreuze stehn in namenlosen Schmerzen,
Drum sorgt er, daß an Sohnesstatt ihr bliebe
Johannis Liebe.

Jetzt aber sieh! wie sich der Tag umnachtet;
Jetzt aber horch! wie seine Seele schmachtet:
Mein Gott, mein Gott, was hast du mich verlassen?
Wer kann es fassen?

Mich dürstet! klagt er, seine Glieder beben,
Die Zunge muß verdorrt am Gaumen kleben:
Lebendig Wasser strömt vom Lebensfürsten,
Und er muß dürsten.

Doch nur getrost, schon ist sein Kampf geendet,
Die Schrift erfüllt, des Vaters Werk vollendet,
Es ist vollbracht! - durch alle Himmelshallen
Soll's widerschallen.

Aus Wolkennacht schon dämmert neu die Sonne,
Das Todesweh geht aus in Himmelswonne,
Und sterbend spricht er: Vater, ich befehle
Dir meine Seele.

Es ist vollbracht! mein Heiland ist verschieden,
Sein müdes Haupt, es neigt sich nun im Frieden;
Die Erde bebt, des Abgrunds Felsen splittern,
Die Menschen zittern.

Das Volk verstummt und wendet sich zu gehen,
Doch Herr, deine Kreuz bleibt aufgerichtet stehen,
Ein Heilspanier der Welt für alle Zeiten
Und Ewigkeiten.

Mich aber laß an deinem Kreuz verweilen,
Dein schuldlos Blut soll meine Wunden heilen,
Dein bittrer Kampf soll mir den Frieden geben,
Dein Tod das Leben!

Karl Gerok

 

 

 

Ostern

Ostern, Ostern, Frühlingswehen!
Ostern, Ostern, Auferstehen,
Aus der tiefen Grabesnacht!
Blumen sollen fröhlich blühen,
Herzen sollen heimlich glühen,
Denn der Heiland ist erwacht!

Trotz euch, höllische Gewalten!
Hättet ihn wohl gern behalten,
Der euch in den Abgrund zwang.
Möchtet ihr das Leben binden?
aus des Todes düstern Gründen
Dringt hinan sein ew'ger Gang.

Der im Grabe lang gebunden
Hat den Satan überwunden,
Und der lange Kerker bricht.
Frühling spielet auf der Erden,
Frühling soll's im Herzen werden,
Herrschen soll das ew'ge Licht.

Alle Schranken sind entriegelt,
Alle Hoffnung ist versiegelt,
Und beflügelt jedes Herz;
Und es klagt bei keiner Leiche
Nimmermehr der kalte, bleiche,
Gottverlaß'ne Heidenschmerz.

Alle Gräber sind nun heilig,
Grabesträume schwinden eilig,
Seit im Grabe Jesus lag.
Jahre, Monden, Tage, Stunden,
Zeit und Raum, wie schnell verschwunden!
Und es scheint ein ew'ger Tag.

Max von Schenkendorf

 

 

 

 

Gestern wurde ich
mit Christus gekreuzigt,
heute werde ich
mit ihm verherrlicht.
Gestern wurde ich
mit ihm begraben,
heute werde ich
mit ihm auferweckt.

Gregor von Nazianz

 

 

 

Golgatha
(Karfreitag)

Durch manche Länderstrecke trug ich den Wanderstab,
von mancher Felsenecke schaut ich ins Tal hinab;
doch über alle Berge, die ich auf Erden sah,
geht mir ein stiller Hügel, der Hügel Golgatha.

Er ragt nicht in die Wolken mit eisgekrönter Stirn,
er hebt nicht in die Lüfte die sonnige Alpenfirn,
doch so der Erd entnommen und so dem Himmel nah
bin ich noch nie gekommen, wie dort auf Golgatha.

Es trägt sein kahler Gipfel nicht Wälderkronen stolz,
nicht hohe Eichenwipfel, nicht köstlich Zedernholz;
doch, alle Königszedern, die einst der Hermon sah,
sie neigen ihre Kronen dem Kreuz von Golgatha.

Nicht gibt es dort zu schauen der Erde Herrlichkeit,
nicht grüngestreckte Augen, nicht Silberströme breit;
doch alle Pracht der Erde verging mir, als ich sah
das edle Angesichte am Kreuz auf Golgatha.

Kein Bächlein quillt kristallen dort aus bemoostem Stein,
nicht stolze Ströme wallen von jenen Höhn landein;
doch rinnt vom Stamm des Kreuzes in alle Lande da
ein Born des ew'gen Lebens das Blut von Golgatha.

Dort schlägt der stolze Heide stillbüßend an die Brust,
des Schächers Todesleide entblühet Himmelslust;
dort klingen Engelsharfen ein selig Gloria,
die Ewigkeiten singen ein Lied von Golgatha.

Dorthin, mein Erdenpilger, dort halte süße Rast;
dort wirf dem Sündentilger zu Füßen deine Last!
Dann geh und rühme selig, wie wohl dir dort geschah,
der Weg zum Paradiese geht über Golgatha

Karl Gerok

 

 

 

Osterlied

Die Glocken läuten das Ostern ein
In allen Enden und Landen,
Und fromme Herzen jubeln darein:
Der Lenz ist wieder erstanden!

Es atmet der Wald, die Erde treibt
Und kleidet sich lachend in Moose,
Und aus den schönen Augen reibt
Den Schlaf sich erwachend die Rose.

Das schaffende Licht, es flammt und kreist
Und sprengt die fesselnde Hülle;
Und über den Wassern schwebt der Geist
Unendlicher Liebesfülle.

Adolf Böttger

 

 

Ostern

Die Ostersonne steigt empor,
tritt durch das goldne Morgentor
beim Klang der Osterglocken.
Die Erde prangt im Festtagskleid
in neu erwachter Herrlichkeit,
und alles ist Frohlocken.

Der Heiland lebt, er ist nicht tot,
er ging hervor beim Morgenrot
aus finstern Grabesbanden.
Die Engel Gottes tun es kund
der ganzen Welt mit frohem Mund:
»Der Herr ist auferstanden!«

Der Stein, so schwer, so fest und groß,
vermochte nicht, im Erdenschoß
den Herrn der Welt zu halten,
der Osterkönig ist nun frei,
die Siegel brach der Held entzwei,
trotz höllischer Gewalten.

Wir sehen nun mit Glaubenssinn,
das leere Grab und nichts darin
als himmlische Gesandten.
Wir gehen mit den frommen Frau'n,
den Lebensfürsten selbst zu schau'n,
Der wahrlich auferstanden.

Wir eilen ohne Rast und Ruh
dem holden Freund der Sünder zu,
und sinken ihm zu Füßen,
wie jene Jesusjünger dort,
so hören wir sein Friedenswort,
sein sel'ges Ostergrüßen.

Der Herr ist Sieger allezeit,
in Kreuz und Todesbitterkeit,
der starke Fürst des Lebens.
Wer ihm vertraut in aller Not,
ihm treu verbleibt bis an den Tod,
glaubt wahrlich nicht vergebens.

Zwar ist in diesem Jammertal
der Weg der Zionspilger schmal,
und eng die Himmelspforte.
Wir wissen wohl:
Durch Kreuz und Leid
führt unser Pfad zur Herrlichkeit,
nach Gottes heil'gem Worte.

Der Osterkönig geht voran
und zeigt uns selbst die rechte Bahn,
auch durch des Todes Türen.
Und ob es eine Weile währt,
so wird er uns doch – schön verklärt –
zur Himmelsfreude führen.

Oh Siegesfürst, du Osterheld,
dir bringt die ganze Sünderwelt
Anbetung, Preis und Ehre.
Dort in des Himmels Osterschein
klingt unser Halleluja rein,
im Chor der Himmelsheere.

Wilhelm Engelhardt

 

 

Ewige Ostern

Als sie warfen Gott in Banden,
Als sie ihn ans Kreuz geschlagen,
Ist der Herr nach dreien Tagen
Auferstanden.

Felder dorren. Nebel feuchten.
Wie auch hart der Winter wüte:
Einst wird wieder Blüt' bei Blüte
Leuchten.

Ganz Europa brach in Trümmer,
Und an Deutschland frißt der Geier, –
Doch der Frigga heiliger Schleier
Weht noch immer.

Leben, Liebe, Lenz und Lieder:
Mit der Erde mag's vergehen.
Auf dem nächsten Sterne sehen
Wir uns wieder.

Klabund

 

 

 

Ostern

Vom Münster Trauerglocken klingen,
Vom Tal ein Jauchzen schallt herauf.
Zur Ruh sie dort dem Toten singen,
Die Lerchen jubeln: wache auf!
Mit Erde sie ihn still bedecken,
Das Grün aus allen Gräbern bricht,
Die Ströme hell durchs Land sich strecken,
Der Wald ernst wie in Träumen spricht,
Und bei den Klängen, Jauchzen, Trauern,
So weit ins Land man schauen mag,
Es ist ein tiefes Frühlingsschauern
Als wie ein Auferstehungstag.

Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff

 

 

 

 

 

 

 

Osterpsalm

Christ ist erstanden!
Schallt es in den Lüften,
Christ ist erstanden!
Hallt es in den Grüften,
Lauernde Feinde,
Zittert und bebt!
Trauernde Freunde,
Glaubet und lebt!

Engel bedeutens
Weinenden Frauen,
Jünger verbreitens
Rings in den Gauen,
Weit in den Landen
Tönt es mit Macht:
Christ ist erstanden,
Völker erwacht!

Christ ist erstanden,
Tod ist bezwungen,
Weil sich den Banden
Jesus entrungen;
Himmel ist offen,
Erde versöhnt,
Glauben und Hoffen
Selig gekrönt!

Karl Gerok

 

 

 

 

Der Erlenstamm

Am Wasser sproßte ein Erlenbaum,
An plätschernden Wellen, an spielendem Schaum.
Er wollte der Sommer noch manche blühn,
Am blumigen Anger, im Blättergrün.

Da kamen das Beil und die Säge heran
Und faßten ihn mächtig mit grimmigem Zahn,
Und warfen ihn seufzend auf zitternden Grund,
Daß klagend die Wurzel daneben stund.

Das Beil und die Säge, sie zogen davon,
Und nahmen in Bündeln die Äste zum Lohn;
Des Schmuckes entblößt an dem feuchtenden Damm,
So ließen sie liegen den armen Stamm.

So liegt er schon Jahre, so lang, ach so lang,
Daß Schimmel und Moos sich der Rinde entrang,
Dem Anger zur Plage, der Wiese zur Last,
Der Ziege im Wege, die's Ufer umgrast.

Mir war es, als säße ein Wandersmann,
Vom Wege müde am Stamme dran,
Mit weißen Haaren und welker Hand,
Mit feuchtem Auge nach oben gewandt.

Sie trugen ihm all seine Lieben hinaus,
Zur ewigen Heimat, ins himmlische Haus.
Sie ließen ihm all seinen Jammer stehn,
Um eigenen Weges vorüberzugehn.

Mir war es, als seufzt es am Stamme bang:
O Herr der Zeiten, wie lang, wie lang!
Mir war es, als käme vom Himmel ein Wort:
O, harre noch wenig, so trag ich dich fort.

Karl Theurer

 

 

 

Allversöhnend und still mit den armen Sterblichen ging er,
Dieser einzige Mann, göttlich im Geiste, dahin.
Keines der Lebenden war aus seiner Seele geschlossen,
Und das Leiden der Welt trug er an leidender Brust.
Mit dem Tod befreundet er sich, im Namen der andern
Ging er aus Schmerzen und Müh siegend zum Vater zurück.

Johann Christian Friedrich Hölderlin

 

 

 

 

Karfreitag

Karfreitags Krone. Heldenkönig! Einsames Haupt.
Verstoßen. Erheben
Die feige Flucht verdammender Hände.
Ein suchender führender Quell.
Wenn ich erhöht sein werde, will ich alle zu mir ziehen.
Und die Welt, die schwere Welt, die leichtsinnschwere Welt,
Fast schon oben, reißt ab, eine Wunde reißt auf,
Der Seele, Wunde des Leibes, Wunde des Todes:
Vater verzeihe ihnen, sie wissen nicht, was sie tun.
Zum schmerzlichen Hohn der Dornenkrone
Fallen kühlende Tropfen fühlender Größe.
Dem bedeutenden, einsamen Menschen an seinem Tage nahe sei,
So ist stiller Freitag, so ist Ostern
Trauerhelles Opferglück.
Abschiednehmendes Wiedersehn.

Peter Hille

 

 

 

 

Zur Osterzeit

Ist das ein Ostern! – Schnee und Eis
hielt noch die Erde fest umfangen;
frostschauernd sind am Weidenreis
die Palmenkätzchen aufgegangen.

Verstohlen durch den Wolkenflor
blitzt hie und da ein Sonnenfunken –
es war, als sei im Weihnachtstraum
die schlummermüde Welt versunken.

Es war, als sollten nimmermehr
ins blaue Meer die Segel gehen, –
im Park ertönen Finkenschlag,
und Veilchenduft das Tal durchwehen. –

Und dennoch, Seele, sei gewiß:
Wie eng sich auch die Fesseln schlingen,
es wird der Lenz, das Sonnenkind,
dem Schoß der Erde sich entringen.

Dann sinkt dahin wie Nebelflor
auch all dein Weh und deine Sorgen,
und veilchenäugig lacht dich an
ein goldner Auferstehungsmorgen! –

Clara Müller-Jahnke

 

 

 

Ostergedicht

Wenn die Schokolade keimt,
wenn nach langem Druck bei Dichterlingen
›Glockenklingen‹ sich auf ›Lenzesschwingen‹
endlich reimt,
und der Osterhase hinten auch schon presst,
dann kommt bald das Osterfest.

Und wenn wirklich dann mit Glockenklingen
Ostern naht auf Lenzesschwingen, – – –
dann mit jenen Dichterlingen
und mit deren jugendlichen Bräuten
draußen schwelgen mit berauschten Händen – – –
ach, das denk ich mir entsetzlich,
außerdem – unter Umständen –
ungesetzlich.

Aber morgens auf dem Frühstückstische
fünf, sechs, sieben flaumweich gelbe frische
Eier. Und dann ganz hineingekniet!
Ha! Da spürt man, wie die Frühlingwärme
durch geheime Gänge und Gedärme
in die Zukunft zieht,
und wie dankbar wir für solchen Segen
sein müssen.
Ach, ich könnte alle Hennen küssen,
die so langgezogene Kugeln legen.
– – –

Joachim Ringelnatz

 

 

Die Lerche stieg am Ostermorgen
empor ins klarste Luftgebiet
und schmettert' hoch im Blau verborgen
ein freudig Auferstehungslied.
Und wie sie schmetterte, da klangen
es tausend Stimmen nach im Feld:
Wach auf, das Alte ist vergangen,
wach auf, du froh verjüngte Welt!

Wacht auf und rauscht durchs Tal,
ihr Bronnen,
und lobt den Herrn mit frohem Schall!
Wacht auf im Frühlingsglanz der Sonnen,
ihr grünen Halm' und Läuber all!
Ihr Veilchen in den Waldesgründen,
ihr Primeln weiß, ihr Blüten rot,
ihr sollt es alle mit verkünden:
Die Lieb ist stärker als der Tod.

Wacht auf, ihr trägen Menschenherzen,
die ihr im Winterschlafe säumt,
in dumpfen Lüften, dumpfen Schmerzen
ein gottentfremdet Dasein träumt.
Die Kraft des Herrn weht durch die Lande
wie Jugendhauch, o laßt sie ein!
Zerreißt wie Simson eure Bande,
und wie die Adler sollt ihr sein.

Wacht auf, ihr Geister, deren Sehnen
gebrochen an den Gräbern steht,
ihr trüben Augen, die vor Tränen
ihr nicht des Frühlings Blüten seht,
ihr Grübler, die ihr fern verloren
traumwandelnd irrt auf wüster Bahn,
wacht auf! Die Welt ist neugeboren,
hier ist ein Wunder, nehmt es an!

Ihr sollt euch all des Heiles freuen,
das über euch ergossen ward!
Es ist ein inniges Erneuen,
im Bild des Frühlings offenbart.
Was dürr war, grünt im Wehn der Lüfte,
jung wird das Alte fern und nah.
Der Odem Gottes sprengt die Grüfte –
wacht auf! Der Ostertag ist da.

Emanuel Geibel

 


Ostern

Nicht einmal nur im Jahre
Ist Auferstehungszeit.
Es liegt in jeder Bahre
Ein Stück Unendlichkeit.

Der Welt geht nichts verloren,
Und immer wieder bricht
Sich aus des Todes Toren
Das Leben durch das Licht.

Und Götter auferstehen
Mit jedem Glockenschlag.
Für Taten und Ideen
Ist ewig Ostertag.

A. de Nora

 

 

 

 

Die Steine werden zeugen

Der Ostermorgen lächelt,
Ein Bräut'gam, in die Welt,
Vom Frühlingsduft gefächelt
Steigt er aus seinem Zelt.

Und rings herum das Schweigen!
Der Wald, er steht so still;
Kein Blümlein sich verneigen,
Kein Blättchen rauschen will.

Im fernen Kirchlein singet
Die fromme Christenschaar;
Da von den Steinen klinget
Das Echo wunderbar.

Als wenn aus Berges-Tiefen
Das Singen kläng hervor;
Als wenn die Felsen riefen:
"Er lebt! er lebt!" im Chor.

"Er lebt! er lebt!" da lauschen
Die Blümlein, neigen sich,
Da bücket sich im Rauschen
Der Wald so feierlich.

Und mächt'ger immer wieder:
"Er lebt! er lebt!" vom Stein, –
Mir läuft ein Schauer nieder
Im tiefsten Mark und Bein;

Und denk' – und muß mich beugen –
Was dort geschrieben ist:
Die Steine werden zeugen,
Wenn mich der Mensch vergißt.

Otto Ludwig

 

 

 

 

Der Kreuzschnabel

Als der Heiland litt am Kreuze,
Himmelwärts den Blick gewandt,
Fühlt' er heimlich sanftes Zucken
An der stahldurchbohrten Hand.

Hier, von allen ganz verlassen,
Sieht er eifrig mit Bemühn
An dem einen starke Nagel
Ein barmherzig Vöglein ziehn.

Blutbeträuft und ohne Rasten
Mit dem Schnabel zart und klein,
Möcht' den Heiland er vom Kreuze,
Seines Schöpfers Sohn befrei'n.

Und der Heiland spricht in Milde:
"Sei gesegnet für und für!
Trag' das Zeichen dieser Stunde ewig,
Blut und Kreuzesgier."

Kreuzschnabel heißt das Vöglein;
Ganz bedeckt vom Blut so klar,
Singt es tief im Fichtenwalde
Märchenhaft und wunderbar.

Julius Mosen

 

 

 

Ein Oster-Requiem
Der Jünger am Grabe

Was stehst du trauern,
Ewiger Sehnsucht Freund,
Am Grab des Liebsten,
Welchen der Tod verschlang?
Was birgst dein Haupt du,
Schmerzbeschattet,
Und suchst des Menschen
Göttlich Antlitz,
Ach, vergebens?

Der selbst sein Kreuz trug,
Dornengekrönter Held,
Gepeitscht mit Ruten,
Wie in der Wahrheit Wehr
Er zeugen mußte
Wider Weltwahn
Vom innern Himmel-
Reich der Liebe,
Fürst des Lebens.

Der auch der Schönheit
Rose gesegnet – sieh!
Die Schwester brachte
Blühenden Abschiedsgruß
Dem sonnenmilden
Herzerlöser.
Betaut von Tränen
Irrt Maria
Bleich im Garten …

Auf Schöpferschwingen
Freudegefilden zu,
Du gramgebeugter
Freund des Erhabenen,
Schwebt der Geschmähte
Menschen-Meister
Und thront zur Rechten
Gottes, wo die
Strahlend Unsterblichen warten.

Karl Friedrich Henckell

 

 

 

 

Die Glocken läuten das Ostern ein
In allen Enden und Landen,
Und fromme Herzen jubeln darein:
Der Lenz ist wieder entstanden!

Es atmet der Wald, die Erde treibt
Und kleidet sich lachend im Moose,
Und aus den schönen Augen reibt
Der Schlaf sich erwachend die Rose.

Das schaffende Licht, es stammt und kreist
Und sprengt die fesselnde Hülle;
Und über den Wassern schwebt der Geist
Unendlicher Liebesfülle!

Martin Böttcher

 


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